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Lese-Rechtschreibschwäche . Legasthenie 

Neurobiologische Erklärungsansätze

 

Nicht erblich bedingte Eigenheiten der Gehirnentwicklung, welche dennoch im Zusammenhang mit der Lese-Rechtschreibstörung betrachtet werden, könnten durch vor, während und nach der Geburt entstandene Hirnfunktionsstörungen begründet werden. Laut Beckenbach (2000), unterstreichen diesen Ansatz Befunde aus unterschiedlichen Hirnforschungsbereichen. Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung weisen funktionelle und strukturelle Eigentümlichkeiten der Hirnfunktionen auf. Diese Besonderheiten wurden ausschließlich in der linken Hirnhälfte lokalisiert, im Lese-Rechtschreibzentrum in der Region des supramarginalis und Gyrus angularis (Wernicke-Region).[1] In diesem Bereich wird visuell Graphisches (Buchstaben) in verbal Sprachliches und umgekehrt übersetzt. Warnke (1996) vermutet, dass einige Formen der Lese-Rechtschreibstörung genau hier ihre Ursache haben, da diese Umwandlung visueller Informationen in sprachliche Botschaften bei schriftsprachlich gestellten Aufgaben misslingt (vgl. Beckenbach 2000: 136; vgl. Warnke 1996: 31 ff.).

Sowohl Beckenbach (2000) als auch Warnke et al. (2002) erwähnen hirnelektrische Analysen der linken hinteren Hirnhälfte, welche zeigen, dass bei legasthenen Kindern die Informationsverarbeitung anders abläuft als bei Kindern mit normalen Fähigkeiten im schriftsprachlichen Bereich. Die Betroffenen können schwieriger und langsamer zwei zeitlich aufeinanderfolgende Töne wahrnehmen. Schulkinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung können akustische Sprachlaute nicht so schnell oder fehlerlos unterscheiden im Vergleich zu ihren Mitschülern. Diese aufgeführten Zusammenhänge sind jedoch unspezifisch und zugleich keinesfalls als kausal bewiesen (vgl. Beckenbach 2000: 136; vgl. Warnke et al. 2002: 34). Weiterhin stellen Warnke et al. (2002) fest, dass sich mit bildgebenden Methoden Stoffwechselaktivitäten oder der Blutfluss im Gehirn bei kognitiven Ereignissen beobachten lassen. Dafür spricht, dass bei legasthenen Schülern, zum Beispiel bei Reimaufgaben, andere Hirnregionen angeregt werden, welche charakteristisch für die verbale Informationsverarbeitung bedeutend sind, als bei ihren Mitschülern (vgl. Warnke et al. 2002: 34).

Beckenbach (2000) erfasst, dass bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-störung häufiger histologische und neuroanatomische Veränderungen auffallen, als bei Kindern mit gewöhnlicher Schriftsprachentwicklung.[2] Zellstruktur- oder Symmetrieveränderungen zeigen sich sowohl in der Hörbahn als auch in den linken Hirnregionen, welche für die sprachlich-visuelle, sprachliche und akustische Informationsverarbeitung bedeutsam sind. Die Feststellungen aus der Neuroanatomie, so Beckenbach (2000), legen die Auslegung nahe, dass bei einigen legasthenen Kindern die Hirnrinde in den schriftsprachrelevanten Arealen nicht ganz funktionsfähig ist und als Aushilfe angrenzende, in der Regel schlechter geeignete Bereiche eingesetzt werden (vgl. Beckenbach 2000: 137; vgl. Warnke et al. 2002: 34).

Insgesamt sprechen bei einer schweren Lese-Rechtschreibstörung die neurobiologischen Erforschungen für ungewöhnlich physiologische Ausprägungen in den sprachrelevanten Regionen der linken Hirnhälfte. Die neurobiologischen Befunde sind keineswegs identisch oder konsistent und erfordern zum Teil eine Bestätigung. Beckenbach (2000) stellt unter anderem fest, dass eine Diagnostik der Lese-Rechtschreibstörung über hirnelektrische, neuroanatomisch-histologische und bildgebende Verfahren nicht möglich ist. Trotz allem sind linkshemisphärische Hirnregionen in den Interessenmittelpunkt gerückt, welche für Funktionen der visuellen und der sprachlichen Informationsverarbeitung bedeutsam sind. Warnke et al. (2002) geben zu bedenken, dass bei unzähligen rechtschreibschwachen Kindern keine Sprach- oder Sprechentwicklungsstörung nachweisbar ist. Und gegensätzlich sind Kinder mit Entwicklungsstörungen der Sprache keinesfalls zugleich im Aneignen des Lesens und der Rechtschreibung beeinträchtigt (vgl. Beckenbach 2000: 137; vgl. Warnke & Roth 2000: 464; vgl. Warnke et al. 2002: 34 f.).

 


 

[1] Lese-Rechtschreibzentrum in der Region des supramarginalis und Gyrus angularis (Wernicke-Region), siehe Anhang Abb. 01.


 

[2] Histologie/ histologisch: Gewebelehre/ Gewebe betreffend (vgl. Bertelsmann Lexikothek 1994 K: 377); Neuroanatomie/ neuroanatomisch: Wissenschaft vom Aufbau des Nervensystems/ Nervensystem betreffend.